Darmsanierung

Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den menschlichen Körper besiedeln, wird auch als humanes Mikrobiom bezeichnet. Das symbiotische Gleichgewicht zwischen dem Menschen und diesen Mikroorganismen ist das Ergebnis der Evolution, und der Mensch benötigt seine bakteriellen Mitbewohner, um gesund zu bleiben. Der größte Teil der Bakterien lebt dabei im Dickdarm, und die Zusammensetzung des menschlichen Darmmikrobioms wird beeinflusst durch die Erstbesiedelung nach der Geburt, genetische Faktoren und sehr wesentlich auch durch unsere Ernährungsweise.

Ein gesundes Darmmikrobiom wird unterstützt durch Bewegung, Ausgeglichenheit und eine ballaststoffreiche Ernährung (Gemüse, rohes Obst, Vollkornprodukte). Geschädigt wird es durch viel Zucker, wenig Balaststoffe, Antibiotika und weitere Medikamente, sowie durch Rauchen, Stress, Schadstoffbelastung, fett- und eiweißreiche Ernährung.

Das Darmmikrobiom kann seine Aufgaben nur richtig erfüllen, wenn geeignete Bakterienarten in idealer Organisation auf der Darmschleimhaut siedeln. Eine Verschiebung des Gleichgewichts begünstigt die Entstehung von Infektionen und schwerwiegenden systemischen Erkrankungen.

Krankheitserregende Veränderungen im Mikrobiom führen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen und können direkt zu klinischen Symptomen führen. Mithilfe einer Stuhluntersuchung (mikrobiomuntersuchung) ist es heute möglich, zu erkennen, welche Veränderungen im Darmmikrobiom vorliegen, sodass eine differenzierte und angepasste Therapie erfolgen kann.

Die Veränderungen in der Mikroflora des Darms können durch eine Änderung der Ernährung oder Prä- und Probiotika wieder normalisiert werden (die Darmsanierung). Hierfür stehen Kombinationen verschiedener Pro- und Präbiotika zur Verfügung, die mit gutem Erfolg bei Patienten u. a. mit Erkrankungen des Darms (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Leaky-Gut-Syndrom u. a.), Adipositas, und Antibiotika-assoziierten Durchfallerkrankungen eingesetzt werden können.

Weitere Informationen zur Darmflora und dem Mikrobiom sowie zu Krankheiten, die mit Veränderungen des Mikrobioms in Verbindung stehen, finden Sie in unserem umfassenden Praxisartikel Darmflora & Mikrobiom.


Darmflora und Übergewicht

Jeder fünfte deutsche Staatsbürger ist übergewichtig. Als Hauptursache wird dafür der sogenannte westliche Lebensstil (Bewegungsmangel, schlechte und zuckerreiche Ernährung, Konsum von Zigaretten und Alkohol, Stress …) angesehen. Übergewicht ist jedoch kein rein westliches Problem. Auch in den Entwicklungsländern nimmt Übergewicht drastisch zu.

Die tägliche Nahrungsaufnahme dient der Abdeckung des Grund- und Leistungsumsatzes. Aus der Differenz zwischen zugeführten und verbrauchten Energie ergibt sich eine Kalorienbilanz, die auch Einfluss auf das Körpergewicht hat. Überschreitet diese Differenz ein gewisses Maß, nehmen wir zu, bleibt unter dem Strich ein Minus, nehmen wir ab.

Natürlich helfen eine Kalorienreduktion und gesteigerte Bewegung wenn es ums Abnehmen geht. Nach neuesten Erkenntnissen spielt in der Verwertung der Nahrungsmittel im Verdauungsprozess jedoch die Zusammensetzung der Darmflora eine entscheidende Rolle.

Wissenschaftliche Studien belegen, dass bei übergewichtigen Patienten bestimmte Bakterien häufiger vorkommen als bei Normalgewichtigen. Das betrifft besonders die beiden großen Gruppen Bacteroidetes und Firmicutes. Idealerweise sind diese im Verhältnis 1:1 vorhanden. Ist dieses Verhältnis gestört, gibt es auf der einen Seite diejenigen Menschen, welche soviel essen können wie sie wollen und nicht zunehmen, und andere, welche nur abnehmen, wenn sie hungern und Sport treiben und sobald sie wieder normal essen, wieder zunehmen. Diese „Ungerechtigkeit“ ist allgemein bekannt.

Bekannt ist jedoch auch das sich bei übergewichtigen Menschen im Vergleich zu den Bacteroidetes-Bakterien ("Schlankmacherbakterien") ein Vielfaches an Firmicutes- Bakterien ("Dickmacherbakterien") im Darm angesiedelt haben. Diesen Bakterien gelingt es, an sich unverdauliche Balaststoffe aus der Nahrung in viele kurzkettige Kohlenhydrate effizient aufzuspalten. Diese Zuckermoleküle können vom Körper sofort aufgenommen und in Form von Fett für „Notzeiten“ gespeichert werden. Ein Übergewicht an Firmicutes bedeutet, dass bei jeder Mahlzeit bis zu 15% mehr Kalorien aus der Nahrung aufgenommen werden. Das reicht langfristig völlig aus, um adipös zu werden. Die Firmicutes-Bakterien sind auch in der Lage, unseren Körper in "Hungerzeiten" auf Sparbetrieb zu schalten. Bei eingelegten Fastentagen werden dann nur möglichst wenige Kalorien verbraucht, was schlecht für das erwünschte Abnehmen ist. Kaum steht wieder ausreichend Nahrung zur Verfügung kommt es oft zum Jo-Jo-Effekt, da die Nahrung danach besonders optimal zur Energiegewinnung ausgenutzt wird. Ist die Darmflora jedoch reich an Bacteroidetes-Bakterien, enthalten unsere Ausscheidungen mehr unverbrauchte Kalorien als bei einem Firmicutes-Überschuss.

Bakteroidetes-Bakterien verkapseln nicht benötigte Kohlenhydrate direkt im Darm, sodass der „Überschuss“ mit dem Stuhl ausgeschieden werden kann. Ein hartnäckiges Übergewicht kann deshalb auf ein Ungleichgewicht dieser Bakterien zurückzuführen sein. Durch Zufuhr geeigneter Probiotika ist es jedoch möglich, die übermäßig vorhanden Dickmacherbakterien zu verdrängen und eine Gewichtsabnahme zu unterstützen.

Darmflora und neurologische Erkrankungen

Es ist anhand neuester Forschungen bekannt das neurologische Erkrankungen wie M. Parkinson, M. Alzheimer oder Multiple Sklerose mit Veränderungen im Mikrobiom einhergehen. In unserem Darm können bis zu 160 unterschiedliche Bakterienstämme wohnen. Diese spalten unsere Nahrung auf und setzten dabei Substanzen frei welche von den Immunzellen ( Mikrogliazellen) im Gehirn benötigt werden. Wenn die Darmbakterien nicht genügend Stoffwechselprodukte liefern, weil z.b. die Artenvielfalt durch Antibiotika abgenommen hat, verhungern die Mikrogliazellen und verkümmern. Eine zentrale Aufgabe der Darmbakterien ist es aus nicht verdaubaren Ballaststoffen Fettsäuren abzuspalten: kurzkettige Fettsäuren wie z.B. Essig-, Butter- oder Propionsäure. So haben Untersuchungen bei Patienten mit Multipler Sklerose bei den betroffenen eine deutlich reduzierte Artenvielfalt und einen Mangel an Propionsäure nachgewiesen. Auch bei anderen neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson ist die Artenvielfalt reduziert. Nach Gabe von Propionsäure fühlten sich Patienten deutlich fitter, wacher - sie erlebten eine deutliche Besserung ihres Befindens und waren weniger anfällig für Infekte. Nach nur 2 wöchiger Einnahme von Propionsalz konnten die Ärzte eine deutliche Zunahme der Immunzellen feststellen. Es gibt noch keine langfristigen Daten, grundsätzlich gilt jedoch das alle Menschen ihre Darmbakterien pflegen sollten. Dazu gehört eine ballaststoffreiche Ernährung. Denn die unverdaulichen Kohlehydrate sind die Stoffe welche unsere Darmbakterien zum Leben brauchen und aus denen sie die kurzkettigen Fettsäuren produzieren.
Bitte lesen Sie dazu unseren Beitrag zur Stuhltransplantation, als effektive Methode zur Wiederherstellung eines optimalen Mikrobioms.