Stuhltransplantation / Mikrobiom-Therapie

Obwohl die Stuhltransplantation von der Schulmedizin bereits seit etwa 2003 regelmäßig durchgeführt wird, stellt sie immer noch ein relativ neuartiges therapeutisches Verfahren dar. Seit den Anfängen ist diese Therapie immer weiter beobachtet und untersucht worden. Weltweit wurden bis dato etwa 2000 Patienten mit diesem Verfahren behandelt. Insbesondere bezüglich der Langzeitsicherheit gibt es aktuell noch keine validen Daten. Bei der Therapie von akuten lebensgefährlichen Clostridien difficile-Infektionen stellt die Stuhltransplantation mit Heilungsraten von über 90% jedoch eine hocheffektive Therapie dar. Diese Therapie hat deshalb auch Eingang in die europäischen Behandlungsrichtlinien gefunden.

Der 2008 verstorbene US-Molekularbiologe Joshua Lederberg erkannte den maßgeblichen Einfluss des Mikrobioms auf den Menschen als wichtigen Teil des Stoffwechselsystems. Als Mikrobiom bezeichnet man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, welche die Haut und die Schleimheute von Lebewesen besiedeln. Mittlerweile bezeichnet man das Mikrobiom sogar als ein eigenständiges Organ.

Wissenschafts-Animationsfilm zur Rolle des Mikrobioms im menschlichen Körper. Quelle: amerikanischer Hörfunkverbund NPR (National Public Radio). Im YouTube-Player können Sie über Einstellungen (⚙) > Untertitel > Automatisch übersetzen die deutschsprachige Auto-Übersetzung der Untertitel aktivieren.

1. Die Bedeutung des Mikrobioms für unsere Gesundheit

Einige Billionen Bakterien leben in unserem menschlichen Darm, und es sind mehrere hundert verschiedene Bakterienstämme, die in Symbiose mit unserem Körper existieren. Sie und auch alle anderen hilfreichen Bakterien, die in und auf unserem Körper siedeln, bilden das sogenannte Mikrobiom, welches eine 2-kg-schwere Masse ergibt. Wie sich unser Mikrobiom zusammensetzt, ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Dazu gehören Ernährung, Medikamenteneinnahmen, aber besonders auch die Qualität des von der Mutter auf das Baby übertragenen Mikrobioms. Dies geschieht während des Geburtsvorganges und mit Hilfe der Muttermilch, deren Bestandteile das Wachstum der gewünschten Bakterien unterstützen.

Das ideale Mikrobiom enthält eine möglichst hohe Diversität (Artenvielfalt), ist reich an Akkermansia muciniphila, welches die Darmbarriere stabilisiert, reich an Butyratbildnern, welche die Schleimhautzellen ernähren und enthält möglichst wenige gramnegative Proteobakterien.

2. Schädigende Einflüsse auf das Mikrobiom

Wenn ein Kind durch einen Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickt, erfährt es eventuell bereits eine eingeschränkte Mikrobiomübertragung. Aber insbesondere auch Antibiotika haben einen schädlichen Einfluss auf das Mikrobiom, denn die eigentlich gewünschte antibakterielle Wirkung zerstört auch die "guten Bakterien". Andere Medikamente, wie z. B. Magensäurehemmer, und bestimmte Erkrankungen können im ungünstigen Fall eine Infektion mit gefährlichen Bakterien wie z. B. dem Clostridium difficile auslösen, das sich im Darm massenhaft ausbreitet und schwierige Entzündungen hervorrufen kann (z. B. pseudomembranöse Colitis); dies kann sich in lang anhaltenden Durchfällen äußern, die kaum in den Griff zu bekommen sind und die für ältere oder immungeschwächte Patienten lebensgefährlich werden können.

Die Verabreichung von Antibiotika ist hier oft nicht mehr hilfreich, da Clostridien Sporen entwickeln, die sich ständig neu ausbilden. Auch eine Therapie mit Probiotika ist hier oft wirkungslos, da diese Produkte im Vergleich zu einer Mikrobiomspende vergleichsweise wenig Bakterien enthalten und diese auch noch durch die Magenpassage dezimiert werden.

Experten empfehlen bei einer gefährlichen Clostridien-Infektion als letze Rettung eine Mikrobiom-Therapie mit einer Stuhlübertragung/Stuhlspende. Das Mikrobiom eines anderen Menschen über eine Stuhltransplantation übertragen zu bekommen, klingt vielleicht ungewöhnlich, kann aber lebensrettend sein. Die Stuhltransplantation kann die gefährlichen Bakterien bekämpfen, gegen die herkömmliche Medikamente wirkungslos sind.

3. Zusammenhänge zwischen chronischen Krankheiten und einer geschädigten Darmflora

Chronische Erkrankungen, die im Zusammenhang mit einer geschädigten Darmflora stehen sollen, sind u.a.:

  • die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Colitis ulcerosa und Morbus Crohn
  • akute Clostridieninfektion
  • Lupus erythematodes
  • Darmkrebs
  • Morbus Alzheimer
  • Übergewicht (Adipositas)
  • Diabetes mellitus
  • Reizdarmsyndrom (RDS)
  • Glutenunverträglichkeit (Zöliaki)
  • Arthritis, rheumatische Erkrankungen
  • Leaky-Gut-Syndrom
  • antibiotika-assoziierte Durchfallerkrankungen
  • Autismus
  • Clostridium difficile infektionen
  • neurologische Erkrankungen z.B. Multiple Slerose
  • chronisches Erschöpfungssyndrom (engl. chronic fatigue syndrome)
  • Vergesslichkeit, Morbus Alzheimer (Demenz), Parkinson
  • Allergien
  • Asthma
  • Neurodermitis u.a.
  • Autoimmunerkrankungen z.B. Hashimoto Thyreoidites
  • idiopathische thrombozytopenische Purpura (ITP, Immunthrombozytopenie)

4. Wie hilft eine Stuhltransplantation?

Sollte bei einer zu sehr geschädigten Darmflora (Mikrobiom) die Therapie mit Probiotika und Präbiotika nicht zum Erfolg führen, kann eine Stuhltransplantation dabei helfen ein normales Mikrobiom in seiner gesamten Artenvielfalt wieder aufzubauen. Dabei wird normale Darmflora eines gesunden Menschen auf einen anderen übertragen. Dieser Vorgang kann als eine einfache Form der Organverpflanzung betrachten werden, bei der eine immunolgische Übereinstimmung der Spender als auch eine Immunsupression nach der Übertragung nicht erforderlich sind. Die Stuhltransplantation ist das Angebot an den Empfänger, aus der Vielzahl jene Organismen zu erhalten, die eine gesunde lückenlose Kommunikation, Kooperation und Handel (Metabolismus) des Rezipienten-Ökosystems ermöglichen. Im Gegensatz zu Probiotika wird mit der Stuhltransplantation eine komplette handlungsfähige Einheit eingesetzt, welche metabolisch und kommunikativ bereits auf den Darmstoffwechsel und damit auf den Wirt eingestellt ist.

5. Wie wird eine Stuhltransplantation durchgeführt?

Es ist möglich den Stuhlspender aus dem unmittelbaren Familienumfeld zu wählen. Dazu suchen wir einen Angehörigen, der möglichst schlank ist, selten Antibiotika eingenommen hat und gesund ist. Der Spender sollte mindesten sechs Monate vor der Spende kein Antibiotikum erhalten haben.

Gerade bei der Suche nach einem idealen Spender, wird aber ersichtlich, dass es kaum noch Menschen mit einer gesunden Darmflora gibt. Die meisten Menschen haben in ihrem Leben schon Antibiotika eingenommen. Oder sie haben bereits von ihrer Mutter im Geburtskanal eine geschädigte Darmflora übernommen. Menschen, die mit einem Kaiserschnitt zur Welt kamen, haben ebenfalls Defizite. Bei ihnen entwickelt sich im Darm eine gewisse Hautflora, da sie nicht durch den Geburtskanal gegangen sind.

Sollte sich im Familienumkreis kein geeigneter Spender finden lassen, kann auf einen Fremdspender zurückgegriffen werden, dessen gutes Mikrobiom z.B. mit einer hohen Artenvielfalt und weiteren wichtigen Parametern ausgestattet ist.

Der Spenderstuhl wird untersucht, mit einer 0,9-%-NaCl Lösung verflüssigt, zu einer Suspension verarbeitet und filtriert. Dabei werden nur sterile Materialien und Gefäße verwendet. Bei der Spendersuspension handelt es sich letztendlich um eine fast klare Flüssigkeit.

Das Spendermikrobiom wird während einer Coloskopie in den gesäuberten Darm des Empfängers appliziert. Für den Empfänger ist die Transplantation unkompliziert, da sie unter Verabreichung von Beruhigungsmitteln während einer Darmspiegelung erfolgt und sich der Empfänger später nicht daran erinnern kann.

Seltener kann eine Applikation des Mikrobioms auch über ein Gastroskop in den oberen Zwöffingerdarm erfolgen. Geforscht wird auch an Präparaten in Kapselform und synthetischem Stuhl.

6. Welche Risiken gibt es bei einer Stuhltransplantation?

Das Hauptrisiko der Stuhltransplantation liegt aufgrund des verwendeten biologischen Fremdmaterials in der Übertragung infektiöser Erreger. Deshalb werden vor der Stuhltransplantation umfangreiche Blut und Stuhluntersuchungen nach den Richtlinien des Bundesinstituts für Arzneimittel Medizinprodukte BfArM beim Spender durchgeführt.

Trotz des Fremdtransfers scheint damit die Stuhltransplantation auf Grundlage der bisherigen Daten ein sicheres Verfahren zu sein.

7. Stuhltransplantation bei Morbus Crohn

Molekulargenetische Untersuchungen haben u.a. einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Veränderungen des Darmmikrobioms und dem Morbus Crohn ergeben. Das intestinale Mikrobiom beim M. Crohn ist gekennzeichnet durch eine geringe Diversität, Abnahme von Faecalobacterium prausnitzii, die Abnahme der Firmicutes und Roseburia spez. Regelmäßig ist beim Morbus Crohn hingegen eine Zunahme von Proteobakterien wie Enterobacterien, E. coli und Clostridien festzustellen.

8. Ein Fallbericht zur Stuhltransplantation

Fallbericht aus der Praxis prof. asoc. inv. Dr. med. Hartmut Köppen, Zentrum für Integrale Medizin Leipzig über eine Stuhltransplantation bei einem Patienten mit Morbus Crohn www.praxiszentrum-leipzig.de

Berichtet wird über einen 40-jährigen Patienten, der bis zu seiner Erkrankung an einem ausgeprägten M. Crohn vor ca. fünf Jahren noch Spitzensportler war. Als ich den Patienten zum ersten Mal sah, war er bereits seit einem Jahr, trotz umfassender schulmedizinischer Therapie, wegen allgemeiner Hinfälligkeit invalidisiert und in einem kachektischen Körperzustand. Nach der Untersuchung seines Darmmikrobioms und des Mikrobioms seines familiären Umfelds entschlossen wir uns zu einer Stuhltransplantation. Es spendete seine Tochter. Bereits drei Tage nach der Stuhltransplantation ging es ihm körperlich besser. Nach nur einer Woche waren seine blutigen Durchfälle verschwunden. Etwa vier Wochen später hatte der Patient zehn Kilogramm an Körpergewicht zugenommen und wieder sein normales Körpergewicht erreicht. Es geht ihm seitdem körperlich blendend und er hat wieder begonnen zu joggen. In seinem aktuellen Mikrobiom sind jetzt seit über zwei Jahren wieder alle wichtigen Butyratbildner nachweisbar, wie Eubacterium rectale und hallii, welche für die Umwandlung von Acetat und Butyrat unabdingbar sind und die zuvor verschwunden waren.

Auffällig ist ein deutlicher Anstieg von Coprococcus und Akkermansia muciniphila. Coloskopisch sind die Entzündungszeichen zurückgegangen. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass bei diesem Patient die Stuhltransplantation zu einer erheblichen Verbesserung geführt hat. Es geht dem Patienten klinisch deutlich besser. Die Medikamenteneinnahme konnte reduziert werden. Er erhält weiterhin Präbiotika (Akazienfasern), um die Butyratbildner weiter zu stabilisieren und zu vermehren.

9. Stuhltransplantation im Zentrum für Integrale Medizin Leipzig

In unserer Praxis erfolgt die Stuhltransplantation vorzugsweise coloskopisch, kann aber auch über das Gastroskop ins Duodenum erfolgen. Die Risiken entsprechen denen herkömmlicher Endoskopien, die aus anderer Indikation durchgeführten werden.

Organisatorisches für den Patienten:

Sie erhalten eine Rechnung nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Genaueres regelt die Honorarvereinbarung, die Sie vor der Durchführung der Behandlung mit uns abschließen. Die Stuhltransplantation hat in Deutschland noch immer den Status eines individuellen Heilversuches. Die Behandlungs- und Untersuchungskosten werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen und sind daher von Ihnen zu tragen. Die Kosten werden Ihnen in der Honorarvereinbarung gesondert erläutert und aufgeschlüsselt.

Wenn Sie Interesse an der Stuhltransplantation haben und annehmen, dass es für Sie die geeignete Therapie sein könnte, nehmen Sie bitte Verbindung mit uns auf. prof. asoc. inv. Dr. med. H. Köppen wird Sie beraten und alle erforderlichen Abläufe mit seinem Team organisieren. Ob Sie für eine Stuhltransplantation in Frage kommen, wer Ihr Spender sein könnte und welcher Erfolg zu erwarten ist, wird dann individuell mit Ihnen abgesprochen.

Rufen Sie uns jetzt unter der Telefonnummer 0341 - 550 15 656 an oder schreiben Sie eine Email an kontakt@praxiszentrum-leipzig.de, um einen Termin zu vereinbaren.